KAISER, Gloria. Dona Leopoldina: Die Habsburgerin auf Brasiliens Thron. Graz; Wien; Köln; Verlag Styria, 1994. ISBN 3-222-12274-1 (das Kind) Marie würde am Gang gewaschen, gebadet; da gingen die Dienstboten durch, Männer wie Frauen, machten die Bemerkungen über den frühreifen Kinderkörper, unter denen Marie jauchze wie eine reife Frau, die getätschelt würde. Sie äße mit den Fingern; viel zu fette, zu stark gewürzte Speisen; das Kind trinke zum Frühstück Wein, Kaffee, den Knoblauch zerreibe es mit den Fingern und necke damit die Speisenträger. (S. 34) Verdauungsprobleme bekam sie in den ersten Wochen und starkes Magendrücken, weil sie Angst hatte, die Retretta, den Abort, zu betreten; Gewürm und Ratten tummelten sich in den Extremen; am liebsten erledigte sie deshalb ihre Darmgeschäfte in der freien Natur, das hatte sie rasch von Pedro gelernt, der ihr dabei Kunststücke vorführte. Er schwang sich auf einen wippenden Ast, ließ "die Eier baumeln und die Früchte fallen". Nichts ist hier wie in Europa, in nichts eine Fortsetzung eines europäischen Zustandes gefunden; als der Schwiegervater endlich zugestimmt hatte, das erste Mal in Rio Mozart aufzuführen - "ich habe die Noten extra mitgebracht"-, hat Leopoldine die Töne, die Akkorde nicht mehr erkannt. (S. 80) (José Militão) Er sei einer von hier, ein echter Brasilianer und halte es hier nicht aus; die Gleichgültigkeit, der Hochmut der Reichen und die Unterdrückung, die hier so selbstverständlich gelebt werde. "Die Ammen müssen untersucht werden, und nur wenn eine gesund ist, darf sie damit Geld verdienen". Der Arzt hatte gelächelt. "Sie werden sich nicht untersuchen lassen; die Reichen haben Häuser, die Armen haben nur ihren Körper, das einzige, das sie verteidigen können". (S. 106) (im Mai 1818 schrieb Leopoldine) "mich macht das Abreisen meiner Landsleute recht melancholisch, den so bleibe ich ganz verlassen im heißen Amerika. Dieses ist zum Verzweifeln". (S 128) Die Academia das Belas-Artes von Rio de Janeiro ... die Klasse für Plastiken und Skulpturen bekam ein Professor aus Porto Alegre, Joaquim Adão. Im Dezember 1820 wurde die Akademie mit einer großen Ausstellung aller bisherigen Arbeiten eröffnet. (S. 173) (Die Frau von Debret redet mit Leopoldina über Jean Baptiste) "Jean Baptiste hat das Sprechen verboten; wir reden drei, vier Tage lang kein Wort; am Abend machen die Gehilfen Musik, damit die Ohren nicht austrocknen; es ist leicht, einander denken zu hören, wenn man nicht abgelenkt ist; man verändert sich hier so rasch, sieht anders aus, erkennt die Schrift nicht mehr, die Sprache, den Zeichenstrich; alles wird nervöser, fahriger; der Eintönigkeit will der Körper entkommen, der Fülle und der Üppigkeit; die Zeitrechnung geht verloren, und darüber verlieren wir Europäer fast uns selbst. Dort, in der Hütte im Sumpf, zieht Jean Baptiste sich um". (S. 184) Anfang August 1822; vielleicht schon im September Brasilien ein selbständiges Reich. Was nützt es den Sklaven in den Blau-Weißen-Häusern, den Freigelassenen in den Cortiços, den Arbeitern auf den Zuckerrohrfeldern, den Geschwächten, die im Geldfieber stöhnen; was nützt es den Negern, die weiter aus Afrika hergeschleppt werden; die Cortes sind rasch des Landes verwiesen; die Masters, die Herren auf den Fazendas, die bleiben. Uneingeschränkt in Reichtum und Macht; dreihundert Jahren lang haben sie gelernt, Gesetze zu umgehen, Verordnungen nicht einzuhalten, sich mit den Beamten zu arrangieren; sie werden weiter den Bau von Schulen verzögern, die Preise für Bücher unerschwinglich hoch halten. Sie werden acht, neun Ernten im Jahr einbringen, in alle Welt werden sie die Reichtümer dieses Landes verkaufen, und ihre Sklaven, ihre Dienstboten werden weiter hungern. "Wir Brasilianer", sagte Bonifácio, ohne aufzuschauen, er sagte es wieder und wieder, seine Stimme klang nach Pedros Stimme, die weißen Haare waren ihm in die Stirn gefallen, "wir Brasilianer, das müssen sie zuallererst lernen, jedes Kind, jede Assafata - ich bin Brasilianer". (S 274) (die Liebhaberin) Sie heiße Domitila de Castro, und Dom Pedro habe sie bestimmt längst vergessen. Pater Belchior sagte noch, "Dona Leopoldina, nicht das Außergewöhnliche an dieser Frau, an den Frauen, mit denen sich Dom Pedro einläßt, ist es. Domitila ist über dreißig, verheiratet, sie hat Kinder; Dona Leopoldina, aber sie ist Brasilianerin, sie lebt wie alles hier, keine Jahreszeit unterbricht das Verbrauchen, das Lebenwollen; der Urstoff des brasilianischen Menschen, die Nachgiebigkeit und Arroganz, das Traurige und Schwärmerische, das zieht Dom Pedro an; das kommt in Mulattinnen auf ihn zu, in Negerinnen und in Weißen. Dona Leopoldina, ein Mensch, der im stillen wirkt, fast im Verborgenen seinen Auftrag erfüllt, ein Mensch, der verhalten und unaufdringlich liebt, der so selbstverständlich, so wichtig ist wie Korn, wie Maniok, ohne das wir kein Brot hätten, so einen Menschen nimmt man hier nicht wahr. Das Laute, das Grelle, das Glänzende, das Schreiende, das sind die Ströme, in die Dom Pedro sich wirft, sich wieder und wieder werfen wird. Sie sehen ja, wie die Wälder sich unterscheiden; in ihrem Heimatland, begradigt, geordnet; hier, Urwald, alles wächst übereinander, den einen mithinaufziehend, den anderen nach unten drückend, und alles ineinander verfilzt. Dom Pedro kann Ihr Eingesperrtsein nicht fühlen, eingesperrt in eine fremde Sprache, in fremde Feste, fremde Freunden". (S. 296-297) Das Einwanderungsprogramm wollte Leopoldine fortführen. Handwerker, Friseure, Schneider, Schuster sollten angesiedelt werden; die Freigelassenen sollten ein Handwerk erlernen können. Sie hatte mit Bonifácio diskutiert, "Kleinbauern und Handwerker aus Europa müssen herkommen, mit ihren Werkzeugen, mit ihrem Tages- und Arbeitsrhytmus; den Boden mit den eigenen Händen bearbeiten, das können unsere Leute nur vom Abschauen lernen". Mit Pater Sampaio redete Leopoldine, und der empfahl ihr einen Priester, Machado de Miranda. Machado schrieb sofort Propagandaschriften, die er in Österreich und Deutschland verteilen wollte. Er übertreibe schamlos, hatte Leopoldine zum ihm gesagt, er spreche von tausend Morgen Land, soviel werde jeder Bauer aus Österreich bekommen, und auch noch geschenkt; er müsse auch dazuschreiben, dass dieses Land noch gerodet werden müsse, dass sie ihre Pflüge und Spaten, alle Werkzeuge, mit denen sie gewohnt sind, zu arbeiten, mitbringen müssen. Machado nickte. Es sei schwierig, Menschen aus Europa herüberzubringen, und er würde es nur tun, wenn man den Menschen Land im Süden von São Paulo gebe, dort sei das Klima fast europäisch, und das Wichtigste, dort gäbe es Straßen, zumindest befahrbare Wege zum Hafen; und die weitere Bedingung sei, dass er höchstpersönlich dieses Programm leiten könne. "In Minas habe ich vor fünf Jahren Italiener betreut; über tausend sind gekommen, nicht einmal die Hälfte davon lebt mehr; Europäer sind die Entfernungen nicht gewöhnt, dass sie hier tagelang reiten müssen, um zum Nachbarn zu kommen; keine Vorstellung haben sie von der Wucht, mit der hier alles wächst und niederringt, wie mühsam sie jeden Quadratzentimeter Erde den Schlingpflanzen, den Urwaldbäumen abringen müssen. In Santos sind die Italiener angekommen und haben sich ins Landesinnere vorgearbeitet, dabei von den Edelsteinen und den fruchtbaren Feldern geträumt; dann begann für die armen Menschen das Plagen, das Schuften und das Leben mit der niederdrückenden Enttäuschung, sich selber in die Hölle begeben zu haben; sie verlernten miteinander zu reden, sie brachten ihren Kindern das Sprechen nicht mehr bei, es gab keine Lehrer und keine Prister; wenn sie krank waren, hatten sie keine Hilfe, keine Nachbarschaftshilfe. Sie wußten nichts voneinander, sie gingen mit Prügeln aufeinander los, wenn einer die tagelange Reise auf sich nahm und den anderen aufsuchen wollte. Dona Leopoldina, als ich dorthin kam, führten sie regelrechte Kriege gegeneinander. Diejenigen, die von der fürchterlichen Arbeit kraftlos waren, wurden liegengelassen, am Feld, in der Hütte; noch lebende Körper wurden dort von Insektenschwärmen zu Tode gestochen. Die, die jetzt dort leben, sind Analphabeten geworden, ihre Seelen von Hoffnungslosigkeit verwüstet und verroht, ihre Körper ausgemergelt und verlebt; .... Dona Leopoldina, sie werden kommen, die Einwanderer aus Österreich, aus Deutschland, weil Sie, Dona Leopoldina, hier sind. Wenn eine Habsburgerprinzessin dort lebt, kann der Urwald nicht so schlimm sein." Mit Machado arbeitete sie einen Plan aus, in welchen Gebiet den Einwanderern wieviel Land zugeteilt werden sollte; junge, kräftige Männer, Beamtensöhne, Freigelassene, die sich in den Dienst des Einwanderungsprogramms stellen wollten, wurden im Santa-Tereza-Kloster von Machado ausgebildet. Sie hatten Lehrer und Seelsorger zu sein, sie mußten lernen, Wunden auszuwaschen und einfache Hütten zu bauen; sie hatten Bücher darüber zu führen, wie viele Mitglieder eine Familie zählte, die Geburten und Todesfälle verzeichnen, sie hatten halbjährlich einen Bericht abzugeben, direkt nach Boa Vista, zu Dona Leopoldina. "Wenn nicht mehr Bevölkerung kommt und der Boden nicht aufgelockert wird durch viele Mühe und Geduld wird es schwer anders werden", hatte Leopoldine an ihren Bruder Franz geschrieben. Im September 1823 reiste Machado nach São Paulo ab, sie schrieb ihm ein Vademecum, damit er nichts davon vergesse, was besprochen wurde. "Leopoldo" sollte die erste deutschsprachige Kolonie heißen. (S. 303-306) (...) sie lebte in einem Land, in das kaum jemand freiwillig reiste, von dem man nun in Europa in anderem Tonfall redete. (...) solange Bonifácio in Rio war, gab es einen Menschen, der in ihren Bildern dachte und plante. Alles Europäische, alles Habsburgische hatte sie zu verdrängen, um Pedro eine gefügige Frau zu sein, um seine Tobsuchtsanfälle zu vermeiden und auszuhalten, um von einer Gesellschaft angenommen zu werden, die wie Plantagenbesitzer hauste, die nur von Tand und Äußerlichkeit lebte. (S. 315) (Ein Wutausbruch von Dona Leopoldina) (...) ,dass sie (Leopoldine) genug davon habe, ihn (Pedro) vor sich selber zu schützen, ihn überall zu entschuldigen, wie man ein Kind entschuldigt; dass sie es müde sei, an ihm Erziehungsarbeit nachzuholen; getäuscht habe man sie, über alles hier, über ihn, der die Bildung eines Stallknechtes habe, dem jede seelische Regung fremd sei, tierisch lebe er die Instinkte aus; nur peinliche Situationen habe sie mit ihm erlebt, fast zehn Jahre lang; mit Untergebenen könne er nicht umgehen und nicht mit seinen Ministern, zuerst rede er vertraulich, und wenn die armen Menschen im gleichen Ton auf ihn zukommen, jage er sie davon; welch ungeheuren Menschenverbrauch er habe, Freude, Frauen; ob er keinen Respekt vor dem Schicksal kenne; sie wisse nicht mehr, wieviel an ihrem Selbst von allem Unreifen, von allem Schmutz an ihr hängengeblieben ist, wie lange sie brauchen wird, um aus diesem Chaos zu sich selber zurückzufinden; "Pedro, zwischen und steht nicht ein Stück Zeit, das der eine vor dem anderen bewältigt hat, andere Gezeiten von Tag und Nacht haben uns geprägt, uns anders ausgeformt; unmöglich, dass ein Wintermensch und ein jahreszeitenloser Tropenmensch aufeinander abzustimmen sind; Europa, Brasilien, nie wird die Fremdheit zu überwinden sein, und wenn sie alles voneinander wissen, wenn hundert Museen vollgestopft, wenn tausend Bücher geschrieben sind". Leopoldine war heiser; sie waren einander um den Tisch nachgerannt, sie hatten Stühle zwischen sich geschoben, dem anderen vor die Knie gestellt (S. 338) Im September 1824, einen Monat nach der Geburt von Francisca, begann Leopoldine mit Marschall an den Verträgen zur Anerkennung Brasiliens als selbständiges Kaiserreich zu arbeiten; Pedro nahm sich keine Zeit dafür; er habe teuer bezahlte Beamte und Minister für diese Arbeit, schrie er. Zum achtundzwanzigsten Geburtstag von Leopoldine, am 22. Jänner 1825, kam das "Memorando" vom Schwiegervater; noch in diesem Jahr würden alle Verträge unterzeichnet, der gravierendste Punkt - Brasilien mußte eine Anleihe übernehmen, zwei Millionen Pfund mußte das Kaiserreich Brasilien für Portugal an England bezahlen; Geld, da Portugal sich bei den Engländern geborgt hat, um vor drei Jahren, 1822, den Tag "fico" zu verhindern. Eine fürchterliche Demütigung für Brasilien; Leopoldine las darüber hinweg, "ich möchte Eure Majestät in diesem Brief nur noch bitten dass Sie der Friedensengel sei und den Vertrag ratifiziert. Eure Majestät sehr liebende Tochter Leopoldine", schrieb sie an den Schwiegervater. (S. 345) Durch viele enge Gänge hatte man Leopoldine geführt, in winzigen Verschlägen waren ihre Kabinen untergebracht; eine, in der sie schlafen sollte, eine als Wohn- und Schreibkabine, eine, in der sie mit ihren Kammerfrauen sitzen konnte; mit Samt waren Bett und Stühle überzogen, der Samt an vielen Stellen von Motten zerfressen; das erste Abendessen mit den Portugiesen. Sie hatten den österreichischen Koch zum Töpfewaschen weggeschoben, Leopoldine bekam Huhn, in Öl gesotten, mit Knoblauch und Ingwer gewürzt, sie aß die fetttriefenden Süßigkeiten, trank den dick-süßen Wein. Am 15. August (1817) bewegte sich das Schiff von Livorno weg, Richtung Gibraltar; (S. 388) (...) stückweise war in den vergangenen zweiundachtzig Tagen die Welt für sie fremder geworden; die Matrosen, die Diener, die Servierer, alles Portugiesen, Brasilianer, Menschen, die ihr, der Europäerin mit der deutschen Sprachen, mißtrauten. Beobachtet wurde sie bei jedem Handgriff, wie sie die Gabel nahm, wie sie sich das Haar bürstete, dass sie mehr Wasser als Wein trank, dass sie zuwenig redete, zu wenig lachte. Am allerwenigsten mochten sie, dass Leopoldine portugiesisch sprach; sie wurde ausgelacht, wenn sie ein Wort falsch betonte, sie verwendeten, sie verwendeten Dialektausdrücke, die sie nicht kannte, sie verteidigten ihre Sprache wie einen Besitz, von dem sie nicht eine Silbe abgeben wollten. (S. 391) |